Motivation
Eine Famulatur im Ausland zu machen bedeutet, dass du die Möglichkeit hast, als Student in die Kultur eines Landes einzutauchen, Studenten von dort zu treffen und auch Krankenhäuser von innen zu sehen. Später kannst du zwar immer wieder als Tourist in das Land reisen, aber es wird nicht so leicht sein, unbefangen die Bereiche zu betreten, die nur dem Personal und den Studenten zugänglich sind und so aus erster Hand viel über das Land, aber auch fachliche Themen erklärt zu bekommen.
Russland wählte ich, da dieses Land über wirklich großes Wissen und Wissenschaftler verfügt, aufgrund seiner finanziellen Situation und Geschichte aber oft falsch eingeschätzt wird. Es möchte sich am Westen orientieren, schafft das jedoch nur teilweise und geht einen eigenen Weg. Natürlich erwartete ich nicht, dieselben teuren chirurgischen Instrumente und Krankenhausausstattung anzutreffen wie zuhausen, doch wollte ich sehen, ob diese Defizite durch entsprechendes Knowhow kompensiert werden können, und wie es überhaupt möglich ist, unter schwierigeren Bedingungen zu arbeiten. Ich denke es erweitert den Horizont und macht dich flexibler, wenn du andere Herangehensweisen und Wege zur Problemlosung gesehen hast. Außerdem hat jeder Mensch auch Vorurteile über ein Land, und wenn du die Chance hast herauszufinden, was davon stimmt, hast du schon einiges gelernt.
Vorbereitung
Letzten Herbst bekam ich die Mitteilung von der IFMSA, dass ich in das IFMSA Programm aufgenommen worden sei und mich auf eine Famulatur im Ausland freuen könne.
Ich öffnete dir IFMSA Website und sah, dass sie mich nach Sibirien schicken wollten! Nach Chelyabinsk, dass ist hinter dem Uralgebirge, also schon in Asien, nicht weit von Kasachstan. Und das im März 2011, also noch ziemlich im Winter.
Also dann, dachte ich, dadurch dass die diesen Ort für dich ausgesucht haben, kannst du eine Gegend kennen lernen. Du warst zwar nie im Leben auf die Idee gekommen, dich fur diese Stadt zu bewerben (ich dachte ich wurde in so europäische Städte wie Moskau oder St. Petersburg geschickt) aber lass es einfach mal ausprobieren.
Es lohnt sich, in Wikipedia oder sonst wo nachzusehen, was die durchschnittlichen Temperaturen in der jeweiligen Jahreszeit sind und gegebenenfalls noch einen Rollkragenpulli mehr einzupacken. Ansonsten hab ich mich nicht allzu sehr vorbereitet. Etwas Wissen über die historische Rolle oder die Besonderheiten der Stadt kommt natürlich gut an, allerdings bekommst du von den örtlichen Studenten wahrscheinlich aber sowieso mehrere verschiedene Stadtführungen.
Es ist nett, ein paar typische Kleinigkeiten aus deiner Heimat als Gastgeschenke für die Studenten vom IFMSA (also die Kontaktpersonen) und auch für die Kollegen aus dem Krankenhaus mitzubringen.
Was sich z.B. eignet sind Rittersport oder Milka (obwohl man das in Russland auch kaufen kann, aber nicht mit deutscher Aufschrift), Comix (Asterix, Lucky Luke… was auch immer, wenn du von jemandem weißt dass sie deutsch lernen)
Visum
Schon wenn du planst ins Ausland zu gehen solltest du dafür sorgen, dass du einen Reisepass hast, der noch lang genug gültig ist und gegebenenfalls einen neuen bei deinem Rathaus beantragen. Denk dran, dass es etwa 6 Wochen dauert, einen neuen Reisepass zu bekommen. Dieser kostet 35 Euro, aber wenn du in ein Land willst, für das du ein Visum brauchst, kommst du um den Reisepass nicht herum.
Um das Visum und den Flug nach Russland habe ich mich allerdings erst gekümmert nachdem ich die definitive Zusage und die Stadt von der IFMSA bekommen hatte.
Am besten beantragst du das Visum über einen Visadienst, zB Koenig-Tours oder Vostok-Reisen. Ich habe Vostok-Reisen gewählt.
Es gibt die Möglichkeit ein Touristen-Visum oder ein Studenten-Visum zu beantragen. Das Studentenvisum kann bis zu 3 Monaten gültig sein, beim Touristen-Visum kannst du max 30 Tage in Russland bleiben (und keinen Tag länger).
Die Russischen IFMSA Kontakt- Studenten kennen sich aus, und wissen, was du für das Studentenvisum brauchst.
Allerdings wurde bei mir die Zeit knapp, und so entschied ich mich für ein Touristen-Visum, das einfacher und schneller zu erhalten ist, da du nicht auf die offizielle Einladung von deiner Austausch-Uni warten musst. Wenn du ein Touristen-Visum beantragst, kannst du dir mithilfe des Visadienstes (z.B. Vostok-Reisen) eine Einladung von einer Einladungs-Agentur in Russland generieren lassen – und das funktioniert, kostet aber 35 Euro.
Nachdem dir Vostok-reisen deine Einladung als PDF geschickt hat, druckst du sie aus.
Außerdem kannst du den Visumantrag als PDF runterladen, am PC ausfüllen und ausdrucken.
darüber hinaus brauchst du auch einen Nachweis darüber, dass du nicht ganz arm bist, und das soll eine Kopie des Bafög-Bescheids sein, oder der Vertrag deines Nebenjobs. Wenn du nichts vom dem hast, ruf einfach bei Vostok-Reisen an und frag was du tun kannst. Das sind erfahrene Leute, die wissen, welche Dokumente die Russen sehen wollen.
Auch der Nachweis einer Auslandskrankenversicherung muss in Kopie form dem Visum-Antrag beigefuegt werden. Es gehen nur Versicherungen, die von en Russen anerkannt werden. Welche das sind, findest der Website der Russischen Botschaft oder bei Vostok-Reisen. Ich hatte z.B. die ADAC-Auslandskrankenversicherung, die wird akzeptiert.
Falls du noch keine Auslandkrankenversicherung hast, bietet dein Visadienst Vostok-Reisen an, eine anerkannte Versicherung für dich abzuschließen.
Schließlich schickst du alles, also
den ausgefüllten Antrag
deinen Reisepass
die ausgedruckte Einladung
die Kopie des Bafög-Bescheids (oder was anderes, siehe oben)
die Kopie deiner Auslands-Krankenversicherung
in einem Umschlag zum Visadienst.
Du kannst verschiedene Bearbeitungstempi wählen, von denen die schnellen natürlich ordentlich teurer sind.
Ich hatte einen Monat Zeit und wählte um sicher zu gehen eine Bearbeitungszeit von 2 Wochen.
Das ging absolute reibungslos, allerdings muss man dem ganzen Spaß etwas 125 Euro einkalkulieren.
Gesundheit
Die Austauschorganisation fordert den Nachweis einer HBV-Impfung und eines anti-HCV-Tests. Beides kann man vom Betriebs-oder Hausarzt bekommen und eine Kopie davon zur Austauschorganisation schicken.
Falls du in den OP gehen willst, nimm eine Schutzbrille mit (weil die da nicht immer welche übrig haben).
Ansonsten gibt es einen Haufen Apotheken. Was hilft ist ein Reise-Wörterbuch, so dass man im Ernstfall gezielt sagen kann was man braucht.
Trinkwasser habe ich immer für günstig im Laden gekauft, das wurde mir empfohlen und war wohl auch die beste Lösung. Wenn du Hahnenwasser trinken möchtest solltest du es abkochen.
Sicherheit
Wie in jeder großen Stadt muss man auch in Chelyabinsk vorsichtig sein, wenn man allein in der Nacht unterwegs ist. Es ist gut sich auf beleuchteten Strassen aufzuhalten.
Tagsüber ist es aber kein Problem wenn die Leute merken, dass du Ausländer bist. Manche sind dann sogar besonders freundlich.
Geld
Gezahlt wird in Russland in Rubel. 1 Euro = 40 Rubel.
An vielen Geldautomaten steht „Maestro“, d.h. da kannst du z.B. mit deiner EC-Karte Geld abheben. Heb möglichst nicht zu wenig ab, da pro Abheben Gebühren von etwa 5 Euro anfallen.
Kreditkarte geht natürlich auch.
Es ist gut, ein paar Euros dabei zu haben, so kannst du diese in Rubel umtauschen, wenn es mit deiner Kredit- oder Geldkarte ein Problem geben sollte.
Lebensmittel sind etwas günstiger als in Europa, aber nur geringfügig.
1 Liter Mich: 1 Euro, ein Brot 500g kostet 50 Cent. Butter kostet 1,50. 1 Cola 0,33 kostet etwa 1 Euro. Im Restaurant sind die Preise billiger, vor allem in Stehrestaurants oder bei McDonalds.
Sprache
Die Studenten, die den Austausch organisieren sprechen allesamt gut Englisch oder Deutsch. Alle Studenten haben in ihrem Stundenplan während der ersten zwei Jahre Fremdsprachen integriert. Nicht alle sind sich in den Sprachen sicher, aber du findest immer welche, die sehr gut sprechen.
Es gibt drei Ärzte am Krankenhaus, die sehr gut English sprechen und auch die OP und die Anatomie sehr gut auf englisch erklaren koennen.
Allerdings trifft das nicht auf alle Aerzte zu. Gerade bei Aerzten lag der Schwerpunkt ihrer Ausbildung nicht in den Fremdsprachen.
Wenn du etwas Russisch kannst, kommst du schon weiter als ohne. Allerdings ist der IFMSA-Austauch so organisiert, dass du bei deiner Famulatur immer jemandem zugeteilt bist, der English spricht.
Ich persoenlich spreche etwas russisch, und habe davon auch profitiert. Jedoch kenne ich andere Studenten, die nur English sprechen und auch gut durchgekommen sind.
Verkehrsverbindungen
Die Anreise mit dem Flieger über Berlin und Moskau dauerte etwa 18 Stunden und kostete hin und zurück 500 EUR.
In Chelyabinsk gibt es eine Straßenbahn, Busse, Trolley-Busse, Sammeltaxis und normale Taxis. Die örtlichen Studenten halfen mir gerne, mich mit alldem zu Recht zu finden.
Eine Busfahrt: 15 Rubel = 0,40 EUR
Ein Taxi zum Fl ughafen (CA 20 min fahrt): 350 Rubel = 9 EUR
Einmal fuhren wir mit dem Bus ins 300 km entfernte Ekaterinburg, das kostete CA 10 EUR.
Welche Möglichkeiten gibt es, ins Gastland zu kommen? Wie teuer sind sie? Welche davon hast du gewählt? Wie hast du dir die Anreise organisiert? Mit welchen Verkehrsmitteln kann man sich im Land fortbewegen? Wie teuer sind diese und wie oft verkehren sie? Wie sicher/zuverlässig sind sie?
Kommunikation
Es gab diese Evro-Set Karten, die du in jedem Telefonladen für 100 bis 300 Rubel kaufen konntest, das waren Geldkarten auf denen ein Code und ein Pin stand. Soviel wie du bezahlt hast, standen dir dann auch zum Telefonieren zur Verfügung. Nach Deutschland zu telefonieren kostete etwa 0,12 EUR/min.
Gleich am ersten Tag kauften die Russen mir eine russische Simcard für 3 EUR, und so konnte ich immer für fast umsonst mit den russischen Studenten telefonieren und simsen.
Die Medizinische Fakultät gab uns Ausländern freien Internetzutritt in ihrem Computerraum.
Unterkunft
Ich und mein Kollege Marc aus Brasilien wohnten in dem schönen Teil des Studenten-Wohnheims. Hier war alles restauriert, der Boden sauber, das Badezimmer funktionierte einwandfrei. “Schön ist es hier”, sagte ich zu allen Besuchern, “sehr gemütlich und angenehm”.
“Du hast den anderen Teil des Gebäudes nicht gesehen”, erwiderten die russischen Studenten. “Da wo die Russischen Studenten wohnen, ist es nicht ganz so toll”.
“Ihr must in die Kamera an der Tür schauen wenn ihr rein wollt”, wies uns die alte Pförtnerin an. “Wenn ich eure Gesichter nicht erkenne, mach ich dir Tür natürlich nicht auf. Das wäre ja noch schöner, dann könnte ja jeder von der Straße zu uns hereinspazieren!”
Wie dem auch sei, ich muss sagen, dass man uns Ausländern nur das Beste präsentierte. Wir waren sowohl im besten Wohnheim als auch im besten Krankenhaus der Stadt untergebracht worden.
Wohnen durfte ich für umsonst, für Essen musste ich selber sorgen. Allerdings bekam ich von der IFMSA-Organisation 4000 Rubel, also etwa 100 EUR für meine Nebenkosten.
Literatur
-Wikipedia über Chelyabinsk
-Die Internetseite der medizinischen Fakultät in Chelyabinsk.
Mitzunehmen
-Alle wichtigen Dokumente (Reisepass, Flugtickets, Versicherungsschein)
-Zahnseide (das hab ich dort nirgends gefunden)
-1 weißen Kittel, 1 grünen Kittel (OP Kleidung, 1 reicht. Auf der Station läuft man im grünen OP-Anzug und weißem Kittel rum. Für den OP-Saal selbst musst du weiße OP Sachen von dort anziehen.
-Bücher sind gut mitzubringen, da es dort kaum englische, geschweige denn deutsche Bücher gibt.
-Was ich nicht gebraucht habe war ein Schlafsack. Es was immer gut geheizt.
Reise und Ankunft
Der Flug war völlig Problemlos. Morgens um 5 holte mich Elena, meine Kontaktperson, vom Flughafen ab.
Ich hatte einen Tag um mich an die Zeitumstellung zu gewöhnen, mit den russischen Studenten einkaufen zu gehen und Leute kennen zu lernen. Am nächsten Tag gings ab ins Krankenhaus zur Arbeit. Mein Kollege, ein Austauschstudent aus Brasilien, zeigte mir den Weg und stellte mich den Ärzten im Krankenhaus vor. Wenn diese Möglichkeit sich nicht gegeben hätte, wäre jemand von den Kontaktstudenten am ersten Tag mitgegangen.
Tätigkeitsbeschreibung und fachliche Eindrücke
Dorozhnaya Bolnica, so heißt das Krankenhaus in dem ich und Marc (der Student aus Brasilien)
famulierten, ist das beste Krankenhaus der ganzen Stadt. Es wird vom russischen Eisenbahn-Konzern unterstutzt und verfugt so über deutlich mehr finanzielle Möglichkeiten als alle anderen Hospitäler. Nur wer bei der Bahn arbeitet, wer gute Kontakte hat oder wer Privatpatient ist kann sich hier behandeln lassen.
Jeder der rein will, muss seine schmutzigen Schneematsch-Schuhe an der Garderobe abgeben und in ein Paar mitgebrachter Schuhe steigen.
In Russland ist jeder über den Staat versichert, jedoch deckt diese staatliche Krankenversicherung längst nicht so viel ab wie eine gesetzliche Krankenversicherung in Deutschland. Zum Beispiel sagen die Ärzte im Krankenhaus ihren Patienten, welche Medikamente sie selbst kaufen sollen, da Medikamente nicht vom Krankenhaus an die Patienten verabreicht werden können.
Jeden morgen ließen wir uns bei den uns zugeteilten Ärzten blicken, die jeden Tag OPs auswählten, bei denen wir zusehen durften. Stets gaben sie sich große Mühe uns die Prozeduren auf Englisch zu erklären.
Unsere Aufgabe war an den meisten Tagen nur zuzuschauen. Es dort wohl nicht üblich, dass Studenten schon assistieren oder der gleichen.
Nachmittags war Zeit um etwas zu lernen, mit den Russischen Studenten Sehenswürdigkeiten der Stadt zu erkunden oder mit in eine Vorlesung zu gehen.
Russische Medizin-Studenten sind in der Regel viel jünger als wir, sie graduieren schon mit etwa 22-23. Anschließend müssen sie sich aber noch für 2 Jahre spezialisieren um die Zulassung als Arzt zu bekommen. In der dieser Zeit dürfen sie noch wenig selber tun und verdienen kaum etwas.
Ansonsten ist das Niveau wahrscheinlich ähnlich zu Europa. Es fehlt manchmal an Utensilien oder Materialien, aber die Ausbildung ist bestimmt solide.
Land und Leute
Es fand sich immer jemand mit dem man was unternehmen konnte. Entweder andere ausländische Studenten oder die örtlichen Studenten, die mit uns zum Bowling, zum Schlittschuhlaufen, Skifahren, in die Oper, in einen Nachtclub, in ein Konzert und in viele Museen gingen. Es kam eigentlich nie Langeweile auf.
Es ist unglaublich mit welcher Gastfreundlichkeit die Russen auf mich zukamen und keine Mühen scheuten mir einen unterhaltsamen und lehrreichen Aufenthalt zu gewährleisten.
Fazit
Da ich als Student diese Reise machte und nicht als Tourist, war es mir möglich viel hinter die Kulissen zu schauen, persönliche Meinungen von Leuten dort zu erfahren, in das Gesundheitssystem hineinzuschauen und Geheimtipps zu erfahren. Das ist ein Privileg, das man als Tourist selten erfährt.
Aus medizinischer Sicht habe ich meinen Horizont auch erweitert, jedoch nicht ganz so sehr als wenn ich diese Famulatur zuhause gemacht hätte, da natürlich eine Sprachbarriere und ein Mentalitätsunterschied da war. Auf jeden Fall war es sehr eindrücklich zu sehen, wie die Chirurgen es dort schafften, auch mit technischen Unzulänglichkeiten umzugehen, ohne zu verzweifeln. Notfalls machen sie eben mal was von Hand, statt mit der Maschine. Die können das.
Natürlich gibt es auch in Russland brillante Chirurgen und Forscher, und ich bin froh sie kennen gelernt zu haben.